Ein glimmender Docht

Im Sommer 2004 gedachte man in Tirol in besonderer Weise der aus ihrer Heimat vertriebenen Hutterer. Für die Schlossbergspiele Rattenberg schrieb der bekannte Autor Felix Mitterer ein Theaterstück, das in siebzehn Szenen den Weg ihrer Flucht bis zu ihrer heutigen Heimat in den Prairien Canadas und der USA nachzeichnet. Die Aufführungen fanden an genau dem Ort statt, an dem 70 Tiroler Täufer wegen ihres Glaubens hingerichtet wurden. Einer der Rattenberger Märtyrer – Leonhart Schiemer – beschreibt dieses unstete Wandern unter ständiger Bedrohung durch die Verfolgung in einem Liedtext so:

„Wir sein zerstreut gleich wie die Schaf, / die keinen Hirten haben.
Verlassen unser Haus und Hof, / und sind gleich den Nachtraben.
Wer sich nicht duld und heimlich schuldt. / In Felsen und Steinklüften
Ist unser G’mach, man stellt uns nach / Wie Vögel in den Lüften.

Wir schweifen in den Wäldern um, / man sucht uns mit den Hunden.
Man führt uns wie die Lämmlein stumm / Gefangen und gebunden.
Man zeigt uns an vor jedermann / Als wären wir Aufrührer.
Wir sind geacht wie Schaf zur Schlacht / Als Ketzer und Verführer.“

In den USA und Kanada gibt es heute drei große Gruppen von Täufern, die zum Teil noch ihre alten deutschen Dialekte sprechen: Die Hutterer reden einen tirolerisch-kärntnerischen Dialekt, die Mennoniten Plattdeutsch, die Amish-People einen alten pfälzischen Dialekt. Ihre Kirchensprache ist oft noch Hochdeutsch.

Über die Jahrhunderte der Flucht und Unterdrückung haben sie weitgehend aufgehört, offen zu missionieren. Wenn das Feuer des Glaubens auch nicht ganz erloschen ist, sind sie vielfach nur mehr ein glimmender Docht, der möglichst wenig Berührung zu der Welt sucht, in der sie als Licht leuchten sollten. Wer kann es ihnen verdenken? Dennoch haben sie ihren Lebensstil und ihre Überzeugungen bewahrt und sind in ihrer Eigenart eine offene Anfrage an unsere Konsum- und Ellenbogengesellschaft. Die hutterischen Kommunen sind aufgeblüht, das Leben dort ist frei von Konkurrenzkampf, Sorge um den Arbeitsplatz und Habsucht. Die Amischen zeigen, dass Fortschritt nicht alles ist. Sie wurden zum Inbegriff des Ideals vom „einfachen Leben“. Die Mennoniten werden aufgrund ihrer konsequenten Friedfertigkeit heute als „Friedenskirche“ bezeichnet.

Der Ball ist bei uns: Wo sind Christen heute noch eine Herausforderung? Merkt man bei uns etwas von der „Besserung des Lebens“? Welche christliche Kirche will sich als Alternative zur Gesellschaft präsentieren? Betrachten wir unser Liedgut, unsere Predigten: Sind Kreuz und Verfolgung ein Thema darin? Warum sollte es überhaupt ein Thema sein? Weil der Herr Jesus Christus selbst es als Thema in den Raum stellt, wenn er uns auffordert unser Kreuz zu nehmen, und in Seine Fußstapfen zu treten. Nicht die Täufer sollen wir imitieren, sondern Ihm nachfolgen – darin sind uns die Täufer ein Vorbild unter vielen anderen Christen seit den Tagen der Apostel.

Was gibt uns den Mut und das Durchhaltevermögen zu einem Weg ohne Kompromisse? Die Tatsache, dass Jesus Christus den Weg gegangen ist und dabei Welt, Sünde, Teufel und Tod überwunden hat. Er ist auferstanden, und in Seiner Auferstehung triumphiert die Gemeinde.