Die Leiden der Schwestern

Bis jetzt war ausschließlich von Männern die Rede, aber die Verfolgung traf „Brüder“ und „Schwestern“ – wie sie einander nannten – gleich schwer. Vielleicht war das Leid der Schwestern sogar größer, obwohl sie in der Regel nicht so schwer gefoltert wurden. Sie mussten es ertragen, dass ihre Männer oft lange Zeit auf Missionsreisen oder auf der Suche nach einer sicheren Heimat von ihnen getrennt waren. Sie wurden durch die Verfolgung von ihren Kindern getrennt, oft wurden ihnen diese weggenommen, sobald sie abgestillt hatten. Im Berner Stadtrecht heißt es noch 1695:

„[daß hochschwangere Frauen der Wiedertäufer] biß zur niderkunfft und ihre kindt abzustillen(abzusöugen), sechs wochen lang geduldet ..., hernach auch uß dem landt geschaffet, die kinder aber im land behalten und versorget werden sollindt; die anderen schwangern weiber, oder die nicht der Niederkunft nahe (nähig) sindt [sind wie die nicht Schwangeren zu behandeln]“

Jesus Christus schärfte Seinen Jüngern ein: „Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10,37). Wenn es um das Heil geht, werden den Christen oft schwerwiegende Entscheidungen abverlangt. Hab und Gut, Frau und Kinder, ja das eigene Leben selbst muss – wenn es erforderlich ist – um Jesu Willen aufgegeben werden. Uns erscheint das extrem und radikal, weil unser Glaube kaum vor diese Alternative gestellt wird. Hat Christus es wirklich so gemeint? Wie soll man antworten, wenn die Obrigkeit sagt: „Schwör Deinem Glauben ab, und Du kannst alles behalten – oder stirb und verlier alles, was Dir in diesem Leben lieb und teuer ist.“ Die Antwort darauf muss jeder selbst geben.

Der Weg zum Kreuz ist immer ein persönlicher Weg. Ein Weg an der Hand dessen, der ihn zuerst gegangen ist. Was wäre, wenn Jesus Christus im Garten Getsemane den bittern Kelch des Leides nicht angenommen hätte? Mit großer Angst hat er im Gebet gerungen und in Gottes Willen eingewilligt. Diese Angst bleibt auch den Seinen nicht erspart.

Im 20. Jahrhundert sind weltweit mehr Christen um ihres Glaubens willen getötet worden, als in allen Jahrhunderten davor zusammengenommen. Und jeder Märtyrer hat seinen eigenen Zweifel, seine eigenen Ängste vor Gott durchbeten müssen, um der Wahrheit sein persönliches Siegel aufzudrücken.

Viele der alten Täuferlieder sind Märtyrerballaden, die dieses Ringen immer neu in Erinnerung rufen.